Kunstfreiheit hört bei Antisemitismus auf!

Der erweiterte Vorstand des GCJZ Neuss hat sich in seiner letzten Sitzung der Stellungnahme der GCJZ Kassel und des Präsidiums des Koordinierungsrates zur Dokumenta 15 angeschlossen. Nach einem beispiellosen Vorspiel, bei dem deutlich wurde, daß erst nach verschiedenen Interventionen das antisemitische Werk aus der Öffentlichkeit entfernt wurde, zeigt sich deutlich, daß es um Grundsätzliches geht.

 

Bereits am 26.Mai 2022 wurde auf dem politischen Weg die Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf das Werk aufmerksam gemacht. Zunächst wurde ein reines Verhängen für ausreichend gehalten, ohne das Werk aus der Ausstellung zu entfernen. Der Abbau wurde kritisiert, da er im Heimatland der Künstlerinnen und Künstler nicht verstanden werde. Der abschließende Kommentar: „ …das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialoges…“ , belegt, daß die Verantwortlichen der Dokumenta immer noch nicht verstanden haben, daß Antisemitismus immer und auf jeden Fall zu bekämpfen ist.

 

Im Anschluss finden Sie die Stellungnahme der GCJZ Kassel und des DKR.

 

Stellungnahme der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kassel zur Antisemitismusdebatte auf der documenta fifteen

Mit zunehmendem Befremden verfolgen wir als Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit die Debatte um Israelkritik und Antisemitismus auf der documenta fifteen.

Dass das Kuratorenteam Ruangrupa aus Indonesien die Perspektive des globalen Südens, des Teilens von Ressourcen und den Gedanken des gemeinschaftlichen Produzierens auch von Kunst für die Herausforderungen unserer Zeit stark machen will, haben wir mit großer Neugier und Spannung erwartet.

Dass in diesem Zusammenhang auch ein palästinensisches Künstlerkollektiv auf der documenta vertreten sein würde, erschien uns verständlich, auch wenn wir die Nähe des Künstlerkollektivs „The Question of Funding“ zur israelkritischen Kampagne „Boykott, Desinvestment und Sanctions“ (BDS) mit Sorge beobachteten. Denn die Grenzen zwischen legitimer Kritik an der Regierungspolitik Israels und der Bestreitung des Existenzrechts Israels verschwimmen bekanntlich bei der BDS-Bewegung.

Bereits in dieser am Anfang des Jahres geführten Debatte hätten wir vonseiten der documenta-Leitung und des Kuratorenteams eine Positionierung erwartet, die klarstellt, dass das Existenzrecht Israels bei aller künstlerischen Freiheit unverhandelbar ist. Um hier einen offenen Diskurs zu fördern, wäre die Einladung jüdischer israelischer Künstler*innen durchaus angemessen gewesen.

Dass die von der documenta geplante Gesprächsreihe „We need to talk“ abgesagt wurde, bedauern wir zutiefst. Hier wäre eine direkte Diskussion zwischen Vertretern des globalen Südens, der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und Israels möglich gewesen und hätte u.E. zu einer Sensibilisierung des kuratorischen Teams für den spezifisch deutschen historischen Kontext von Antisemitismus bis in die bundesdeutsche Gegenwart führen können.

Dies ist jedoch fatalerweise nicht geschehen. Und es scheint der Blindheit gegenüber dem tiefsitzenden Antisemitismus in der indonesischen Gesellschaft geschuldet zu sein, dass das indonesische Kuratorenteam mit offensichtlicher Billigung der documenta-Leitung am Tage der Eröffnung ein riesiges Banner mit antisemitischer Propaganda des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi aufstellen ließ – und zwar im Herzen der documenta-Stadt, auf dem Friedrichsplatz.

Ganz im Stile des Stürmers erscheint hier die Karikatur eines Juden mit tierähnlichem Gesicht, Schläfenlocken, gefletschten Reißzähnen, Zigarre und gespaltener Zunge. Auf dem Hut prangen die Runen der SS: die Opfer der Nationalsozialisten werden damit selber zu Nazis erklärt – ein Klassiker des modernen Antisemitismus. Desweiteren sieht man auf dem Wimmelbild eine Truppe schwer bewaffneter Soldaten, die über menschliche Knochen trampeln. Einer von ihnen hat das Gesicht eines Schweines und trägt ein rotes Halstuch mit Davidsstern. Auf seinem Helm steht „Mossad“, das den israelischen Auslandsgeheimdienst bezeichnet.

Wir sind entsetzt darüber, dass 77 Jahre nach der Shoah auf dem Friedrichsplatz in Kassel, wo 1933 die Bücherverbrennung der Nazis stattfand, ein solch antisemitisches Zerrbild aufgestellt werden konnte. Ein Zerrbild, das alle antijüdischen Klischees bedient: Die Juden als entmenschlichte Vertreter des angeblich ausbeuterischen, kapitalistischen Weltjudentums und der angeblichen jüdischen Weltverschwörung und das zudem in verkehrter Weise die Israelis als die Nazis von heute darstellt.

Aufgrund des medialen Protestes wurde das inkriminierte Banner auf dem Friedrichsplatz inzwischen abgebaut.

Es ist jedoch leider festzustellen, dass sich neben dem inkriminierten Banner auf dem Friedrichsplatz weitere antisemitische Werke auf der documenta fifteen befinden: Mohammed al Hawarij, der dem künstlerischen Kollektiv „The Question of Funding“ angehört, stellt eine Serie von Collagen aus, die Israel mit den Nationalsozialisten gleichsetzt. Auf einem seiner Bilder sitzen vorne Bauern, die einem Gemälde von van Gogh entlehnt sind, während hinter ihnen Neubauten im Gaza-Streifen brennen.

Auf einem anderen Bild bedrohen schwer bewaffnete israelische Soldaten eine friedlich rastende Menschengruppe aus einem Bild von Francois Millet. Die Serie trägt den Titel „Guernica Gaza “ und spielt damit auf die brutale Bombardierung der Stadt Guernica durch die Legion Condor der nationalsozialistischen deutschen Wehrmacht während des spanischen Bürgerkriegs an.

Guernica wird mit Gaza und Hitlers Legion Condor mit der israelischen Armee verglichen. In Umkehrung der historischen Tatsachen werden auch hier Juden als die neuen Nazis dargestellt.

Antisemitismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und muss weltweit geächtet werden. Das gilt auch für Indonesien und insbesondere für eine weltweit beachtete Kunstausstellung. Die eindeutige Absage an alle Formen des Antisemitismus stellt die Freiheit der Kunst nicht in Frage und muss Teil des postkolonialen Diskurses werden.

Stellungnahme zur Karikatur der Süddeutschen Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung fällt mal wieder mit einer ihrer Karikaturen aus dem Rahmen.

Drohend und aggressiv beugt sich eine Figur, die den ukrainischen Präsidenten darstellen soll, über eine große Tafelrunde, die die führenden Köpfe aus weltweiter Wirtschaft und Politik symbolisieren soll. Es geht um die Rede, in der sich Selenskyj an die Gäste des Weltwirtschaftsforums in Davos wandte. Der ukrainische Präsident scheint den Mächtigen der Welt im Sinne der „jüdischen Weltverschwörung“ seine Agenda und Forderungen aufzudrücken. Hierbei, wie die SZ es schreibt, nur von einer zeichnerischen Umsetzung der Fernsehbilder zu sprechen, verkennt die Wirkung des Bildes.

Wie blind oder bösartig muss man sein, um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj so in einer Karikatur abzubilden und trotzdem Antisemitismus zu leugnen?

Dabei ist es (fast) gleichgültig, ob der Karikaturist selbst Antisemit ist oder er nur gängige antisemitische Klischees bedienen will, oder ob Selenskyj Jude ist. Wer sich beim NS-Blatt Stürmer bedient, hat in die falsche Kiste gegriffen. Und wer als Redaktion zulässt, dass solche Bilder veröffentlicht werden, hat kein Fingerspitzengefühl in dieser Angelegenheit und lässt jede Empathie vermissen.

Die Süddeutsche Zeitung hat zum wiederholten Mal eine unglückliche Hand bei der Auswahl von Texten und Karikaturen bewiesen. Wenn schon nicht der Zeichner Pepsch Gottscheber, der für dieses Bild verantwortlich zeichnet, bemerkt, auf welcher historischen Darstellung er fußt, so hätte die Redaktion, der sich liberal verstehenden Zeitung den Druck verhindern müssen – oder war das vielleicht Absicht?

Denn diese Darstellung des ukrainischen Präsidenten entspricht genau den rassistischen Stereotypen des Stürmers und aktueller antisemitischer Hetzschriften.

Stellungnahme gemäß Beschluss des Vorstandes der GCJZ Neuss vom 28.05.2022