Begegnungen – Die verbindendende Sprache der Kunst

Begegnungen – Die verbindendende Sprache der Kunst

Begegnungen – Die verbindendende Sprache der Kunst

Ausstellung im Clemens-Sels-Museum Neuss vom 10.11.19 bis 01.03.20

Gezeigt werden 40 Gegensatzpaare zu einem Thema, je ein Kunstwerk aus dem  Bestand des Museums und eines aus der russisch-jüdischen  Privatsammlung der Familie Rubinstein – Horowitz.
Dazu hier ein Bericht zur Sonderpräsentation „ Rabbinische Gedanken zur Kunst“

Eine Rabbinerin  im Clemens-Sels-Museum zur Ausstellung „Begegnungen“

 

Die einzige Enkelin des 1983 verstorbenen russisch-jüdischen Kunstsammlers Jakov Rubinstein, führt bis heute das Erbe ihres Großvaters weiter.  Diese Privatsammlung war Anlass zu einer Ausstellung im CSM in Neuss. Die Gemälde wurden von Frau Rubinstein-Horowitz und der Museumsdirektorin, Frau Dr. Husmeier-Schirlitz mit Unterstützung von Frau Dr. Sugrobbova-Roth zu 40 Gegensatzpaaren zusammengestellt. Jeweils die Hälfte der Gemälde kamen aus dem Bestand des CSM und  aus der Privatsammlung.

Hier kommt die verbindende Sprache der Kunst ins Spiel und damit die Rabbinerin Prof. Elisa Klapheck von der liberalen Synagogengemeinde  in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main.  Kunst und Kultus sind im Judentum keine Gegensätze, in den orthodoxen Gemeinden ist die Kultur von den religiösen Traditionen nicht zu trennen, im eher liberalen oder säkularen Judentum weitet sich der Blick nach außen, über den Tellerrand hinaus. Die jüdische Kultur spielt auch hier eine bedeutende Rolle, nur die Akzente verschieben sich.  So konnte die große Gruppe der Zuhörer im Januar gespannt sein auf die Ausführungen der Rabbinerin. Nach einer kurzen persönlichen Vorstellung  erläuterte sie  kompetent und wortgewandt  einige Facetten der Gemälde.  Ihre engagierte einfühlsame biblisch-jüdische Deutung einiger Bildpaare zog alle Zuhörerinnen und Zuhörer in ihren Bann.

Beispielhaft möchte ich hier zwei  Bildpaare beschreiben, die aus rabbinischer Sicht in der Grundaussage noch heute bedeutsam sind:

Das erste geht  um zwei Gemälde „Stillleben“, das zweite um zwei  Frauen und die Farbe rot.

„Stillleben mit venezianischem Weinpokal“ und „Stillleben“ werden als ein gedeckter Tisch am Schabbat-Abend gedeutet, dem heiligen Tag der Woche. Am Freitagabend gibt es ein Festessen in der Familie, mit Freunden oder in der Gemeinde. Das erste Bild von Georg Flegel  (um 1630)  macht die wohlhabende Familie deutlich, was sich in edlem Geschirr, Besteck und erlesenen  Speisen zeigt. Der Weinpokal deutet auf einen guten Wein, der in Westeuropa üblich war.

Das zweite Bild „Stillleben“ von Michail  Kusnetzow ( 1929) deutet auf eher ärmliche Lebens-verhältnisse hin. Das Geschirr ist schlicht, Besteck fehlt, nur Tee,  zwei Fische und ein wenig Brot sind die einfachen Speisen. Die leere Schale wartet auf Gaben der Gäste. In der russisch jüdischen  Bevölkerung  war Wein untypisch und viel zu teuer.

Bei der Gegenüberstellung der beiden Gemälde : Bruno Goller „Frau mit Hut“  (1992) und Michail Sokolow  „ Frau in rotem Kleid“  ( frühes 20.Jh.) ist die rote Farbe dominant.  Im ersten Gemälde tritt die Frau aus dem roten Hintergrund heraus  mit Hut zum  Zeichen ihrer Selbstständigkeit als Frau.  Im Vordergrund des Bildes erkennt man ihr Handwerkszeug als Putzmacherin. Sie hat ihre vertraute Umgebung noch nicht verlassen, nutzt aber ihre erworbenen Fähigkeiten, den Weg in ihre vollständige  Unabhängigkeit zu gehen.

Die Frau des zweiten Bildes hat den leicht verwaschenen Hintergrund bereits verlassen und die Farbe Rot in ihrer eleganten Erscheinung  (Kleid und Hut) angenommen. Damit zeigt sie Sicherheit und Selbstbewusstsein und den Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Die Farbe Rot ist sehr bedeutsam  in der jüdischen  Religion, Kultur und Tradition. Die Rabbinerin  erklärte die Vielschichtigkeit  der Farbe Rot im Judentum  durch einige Beispiele und nahm Bezug auf Tora und Talmud, die heiligen Schriften der Juden. Oft liegen sprachliche Begriffe im Hebräischen sehr nahe  beieinander, wie z.B. Adam, Adom, Edom.

Schon im 1. Buch Mose   beginnt es,  Adam heißt Mensch,  Adom bedeutet  Rot, Erde, Gott .

Der rote Granatapfel, die  biblische Erzählung vom rothaarigen  Esau und Jakob, (1.Mose 25, 19ff und 33, 1-20), Sklaverei in Ägypten – rötliche Lehmziegel, 10 Plagen , brennender Dornbusch und Feuersäule.   Die rabbinische Sicht  der Farbe Rot wurde erweitert  durch den Bezug zum Leben, denn im Judentum bedeutet Leben= Blut. Deshalb dürfen Juden kein Fleisch essen, in dem nur ein Tropfen Blut bleibt. Das Schächten der Tiere lässt alles Blut in die Erde fließen wie Leben bringendes Wasser. Es wird dann mit Erde zugedeckt , um den göttlichen Ursprung zu betonen  (5.Mose 15,23).

Die rote Farbe veränderte sogar den blauen Davidstern, nämlich als Signal auf den Rettungswagen für Erkrankte in Israel.

Die faszinierenden Beschreibungen der Rabbinerin beruhten einmal auf ihrer sprachlichen Fähigkeit (erster Beruf war Journalistin) und auf ihrem familiären Hintergrund (ihr Vater war der berühmte  Düsseldorfer Maler Konrad Klapheck – nach ihm ist eine Straße in Df-Golzheim benannt).

Die Rabbinerin beschrieb ihre Erfahrungen so:  ihr Vater machte sie früh mit der Kunst vertraut,  ihre Mutter mit der jüdischen Religion. Erst in späteren Jahren ließ sie sich zur Rabbinerin ausbilden.

Die Gespräche nach der interessanten und  anregenden Führung mit der Rabbinerin und  Gästen beendeten einen wunderbaren Tag mit dem Wunsch, noch intensiver die Schriften der Tora zu lesen.

 

Angelika Weißenborn-Hinz